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«Mir war immer klar, dass ich jederzeit für meinen Bruder zurückstecken würde»

Interview mit Olivia Frick, Betroffene 

Foto: Heinz Tobler

Olivia Frick arbeitet als diplomierte Pflegefachfrau im Spital in der Onkologie. Ihre Berufswahl hat eine lange Vorgeschichte: Sie und zwei ihrer Geschwister haben alle erfolgreich den Krebs besiegt. Olivia ist zehn Jahre alt, als bei einem ihrer Brüder ein  bösartiger Tumor des Lymphsystems entdeckt wird. Vier Jahre später erkrankt ihr zweiter Bruder an der gleichen Krebsform. 2012 erhält auch sie die Diagnose «Hodgkin-Lymphom».  

 

Frau Frick, als Ihr erster Bruder die Diagnose erhält, sind Sie zehn, beim zweiten Bruder vierzehn Jahre alt. Wie war das für Sie und Ihre Familie?
Die erste Diagnose war ein extremer Schock für uns alle. Zuhause wurde nur wenig über die Krankheit oder darüber, was im Spital passiert, geredet. Da ich noch so jung war, dachte ich beim Wort «Krebs» als erstes an den Tod und hatte grosse Angst, dass mein Bruder sterben würde. Ich wusste fast nichts über die Krankheit oder die Behandlung und war sehr verunsichert. Hinzu kamen die Verzweiflung und Überforderung meiner Eltern, die für mich sehr spürbar waren. Erst viele Jahre später, als Erwachsene konnte ich ihre Reaktionen richtig einordnen. Obwohl ich erst zehn Jahre alt war, habe ich damals versucht, meine Eltern zu schützen und bin sehr schnell selbständig geworden. Der ganze Familienalltag drehte sich plötzlich nur noch um unseren kranken Bruder und die Bedürfnisse von uns drei Geschwistern gerieten in den Hintergrund. Besonders schlimm war für mich, dass ich meinen Bruder – im Gegensatz zu meinen Geschwistern – nicht im Spital besuchen durfte. Als er dann nach seiner Operation und Chemotherapie wieder nach Hause kam, hat es mich sehr betroffen gemacht, ihn so krank und elend zu sehen. Hätte ich mehr über die Krankheit und die Behandlung gewusst, wäre das sicherlich weniger schlimm für mich gewesen. Der starke Zusammenhalt unter uns Geschwistern hat mir jedoch in dieser schwierigen Zeit sehr geholfen. Bei meinem anderen Bruder war die Situation dann komplett anders.


Wie haben Sie reagiert, als vier Jahre später auch Ihr ältester Bruder die Krebsdiagnose erhält?
Als der Tumor 2010 entdeckt wurde, war die Krankheit bereits sehr fortgeschritten. Wir hatten alle grosse Angst um ihn und wussten nicht, ob er überhaupt überleben würde. Im Unterschied zu vorher war ich aber älter und von Anfang an sehr stark involviert. Es war für mich immens wichtig, für ihn da zu sein und ihn zu unterstützen, auch weil wir uns so nahe stehen. Deshalb habe ich ihn so oft wie möglich zu den Untersuchungen und Behandlungen ins Spital begleitet. Er ist eine Kämpfernatur und nach neun Monaten Intensivtherapie war er schliesslich über den Berg. Emotional war diese Zeit so belastend für mich, dass ich nicht mehr richtig funktionieren konnte. Zum Beispiel war es mir nicht mehr möglich, einfach weiter zur Schule gehen. Stattdessen bin ich ins Spital zu meinem Bruder gefahren. Meine Schulnoten konnte ich so nicht mehr halten und auch der Umgang mit meinen Mitschülern fiel mir zunehmend schwerer.
Im Nachhinein würde ich sagen, dass ich innerlich zerrissen war, zwischen der Angst vor dem Verlust meines Bruders und der Wut auf die anderen, die das Glück hatten, nicht in so einer Situation zu stecken. Hinzu kam das Gefühl, auf vieles verzichten zu müssen, wie auf die Aufmerksamkeit der Eltern, die hin- und hergerissen waren zwischen meinem kranken Bruder und ihrer anstrengenden Arbeit. Aber mir war immer klar, dass ich jederzeit für meinen Bruder zurückstecken würde.


Was waren die schwierigsten Momente in dieser Zeit?
Die grösste Herausforderung für mich damals war die Gratwanderung zwischen der Angst, meinen Bruder zu verlieren und dem Bedürfnis, mich selbst weiterzuentwickeln. Ich war damals mitten in der Pubertät und hätte natürlich gerne mehr Aufmerksamkeit und Zuwendung erhalten als es in dieser extremen Situation möglich war. Darauf zu verzichten war nicht einfach. Ich war aber immer schon ein Mensch, der viel reflektiert und eher selbstlos ist. Ich musste notgedrungen lernen, eigene Strategien zu entwickeln, um damit umgehen zu können. Was mir aber neben dem starken Zusammenhalt von uns Geschwistern geholfen hat, waren die Liebe zu meinem Bruder, meine Freunde und der Sport. Durch die Krankheit meiner beiden Brüder und später dann durch meine eigene Krebsdiagnose habe ich bereits in jungen Jahren viel Leid erfahren. Ich hatte oft Angst und war traurig, aber ich habe auch Kraft aus dieser schwierigen Zeit geschöpft. Zum einen haben meine Brüder mir gezeigt, dass es möglich ist, den Krebs zu besiegen. Zum anderen habe ich früh gelernt, dass Schicksalsschläge auch das Potential in sich tragen, eigene Ressourcen zu entdecken. Heute würde ich sagen, dass ich ganz schnell erwachsen werden musste und mich in vielen Dingen selbst grossgezogen habe.


Was hätten Sie sich in dieser schwierigen Zeit gewünscht?
Wünschenswert wären mehr Raum und Zeit innerhalb der Familie gewesen, um über unsere Ängste und Sorgen zu reden. Im Nachhinein denke ich, dass mir eine offenere und zugewandtere Kommunikation über die Krankheit und die Therapie sicherlich geholfen hätten. Als kleines Kind meint man oft, dass man schuld daran sei, wenn die Eltern gestresst sind. Man kann die Situation nicht richtig einschätzen, weil man zu wenig darüber weiss. Umso wichtiger ist es meiner Meinung nach, über diese zum Teil widersprüchlichen Gefühle miteinander zu sprechen. Eine Krebserkrankung bedeutet eben auch für die Geschwisterkinder eine extreme Belastung.


Wie hat die Krankheit Ihr Leben beeinflusst?  
Ich versuche immer, mich auf die positiven Dinge im Leben zu konzentrieren. Wir alle in der Familie haben etwas aus der Krankheit gelernt. Wir wissen, wie wertvoll das Leben ist und wie kurz es sein kann. Ich persönlich habe keine Angst vor der Zukunft, sondern nehme das Leben, wie es kommt. Und tue Dinge, die mir gut tun. Sowohl bei meinen Brüdern als auch bei mir, ist aus der Krankheit viel Positives entstanden. Danach hat jeder von uns seinen ganz eigenen Weg gefunden und sich weiterentwickelt. Ich zum Beispiel wollte Wirtschaft studieren. Aber ich konnte einfach die zwei Pflegefachfrauen nicht vergessen, die sich damals im Spital so hingebungsvoll um mich gekümmert haben. Ihre Leidenschaft für ihren Beruf hat mich zutiefst beeindruckt. Deshalb habe ich mich schliesslich für eine Lehre als Pflegefachfrau entschieden. Seit fünf Jahren arbeite ich nun in der Onkologie und liebe meinen Beruf. Ich glaube, es gibt keinen anderen, den ich so gut machen würde, wie diesen. Dank meiner Erfahrung weiss ich, welche Herausforderungen auf Krebspatientinnen und –patienten und auf ihre Angehörigen zukommen.


Wie würden Sie ihre Erfahrung abschliessend zusammenfassen?
Auch wenn sich das jetzt etwas seltsam anhören mag, aber meine Geschichte hat mich gelehrt, dem Leben zu vertrauen. 

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