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Interview mit 
Dr. med. Christina Schindera 

Wissenschaftlerin in der Forschungsgruppe Kinderkrebs am Institut für Sozial- und Präventivmedizin, Universität Bern und Kinderonkologin am Universitätskinderspital beider Basel.

Porträt Christina Schindera

Frau Schindera, was genau versteht man unter epidemiologischer Forschung?
Die epidemiologische Forschung beschäftigt sich mit Gruppen von gesunden oder kranken Menschen. So untersucht sie zum Beispiel in einer Bevölkerung das Auftreten von Erkrankungen, deren Häufigkeit, Verteilung und Ursachen sowie mögliche Risikofaktoren und Prognosen. Im Gegensatz hierzu untersucht die klinische Forschung eine Fragestellung direkt am Menschen, ob zum Beispiel ein neues Medikament wirksam ist. Die Grundlagenforschung hingegen entwickelt neue Medikamente oder Impfungen im Labor.


Warum ist die epidemiologische Forschung im Bereich Kinderkrebs so wichtig?
In der epidemiologischen Forschung wird die Häufigkeit von Krebserkrankungen bei Kindern und Jugendlichen untersucht. Aufgrund von Daten, die zentral im nationalen Kinderkrebsregister gesammelt werden, analysieren wir, ob sich diese Häufigkeit mit der Zeit verändert und gehen möglichen Ursachen nach. Ein weiterer Forschungsfokus liegt auf dem Zusammenhang zwischen den verschiedenen Krebstherapien, wie Chemotherapie, Bestrahlung, Operationen und Stammzelltransplantation, und dem Auftreten von Spätfolgen nach einer Krebserkrankung. Dazu zählen zum Beispiel Herz- und Lungenerkrankungen, eine eingeschränkte Fortpflanzungsfähigkeit oder das Auftreten von Zweittumoren.


Welche Ziele verfolgt die epidemiologische Kinderkrebsforschung?
Zum einen besteht ein wichtiges Forschungsziel darin, die Häufigkeit von Spätfolgen nach Krebserkrankungen zu untersuchen. Dies geschieht auf der Grundlage von Fragebögen, die an alle geheilten Patienten bzw. deren Eltern verschickt werden. Daraus können wir lernen, welche Gesundheitsprobleme besonders häufig vorkommen, was deren Ursachen sind, und wie man sie möglicherweise vermeiden kann. Zweitens helfen diese Studien, die Behandlung und Nachsorge von Kinderkrebspatienten zu verbessern. So können wir zum Beispiel versuchen, die Dosis eines bestimmten Medikaments, das während der Krebstherapie eingesetzt wird, zu reduzieren, wenn wir wissen, dass es das Risiko für Herzerkrankungen im Erwachsenenalter erhöht. Konkret können wir auch Patienten, die eine sehr starke Chemotherapie hatten, zu speziellen Nachsorgeuntersuchungen einladen. Mithilfe einer Ultraschalluntersuchung des Herzens lassen sich bereits geringe Veränderungen des Herzmuskels feststellen, lange bevor Beschwerden auftreten. Das erlaubt es uns, ehemalige Patienten besser zu beraten und zusätzliche Risikofaktoren wie Bluthochdruck oder Übergewicht gezielt zu behandeln. Diese Studien helfen somit, den Verlauf der Erkrankung positiv zu beeinflussen und die Lebensqualität der betroffenen Menschen zu verbessern.


Was konnte in den letzten Jahren Ihrer Meinung nach erreicht werden?
Die epidemiologische Forschung hat dazu beigetragen, dass wir heutzutage sehr viel mehr über mögliche Spätfolgen der Kinderkrebstherapie wissen. Damit war es uns möglich, die Behandlung von neuerkrankten Kindern dementsprechend anzupassen. Mit einer schonenderen Therapie, die zu weniger Spätfolgen führt, ist deshalb heutzutage die Langzeitprognose besser. Aus diesem Wissen heraus sind detaillierte Empfehlungen für die Nachsorge entstanden. Das erlaubt es uns, ehemalige Kinderkrebspatienten im Rahmen von spezialisierten Nachsorgesprechstunden bis ins Erwachsenenalter hinein zu begleiten, mit dem Ziel, Spätfolgen möglichst früh zu erkennen, rasch zu behandeln und somit die Prognose zu verbessern.


Wer ist in der Schweiz für die epidemiologische Forschung zuständig?
Die Forschungsgruppe Kinderkrebs, in der ich ebenfalls tätig bin, ist die grösste epidemiologische Forschungsgruppe in der Schweiz und befindet sich am Institut für Sozial- und Präventivmedizin an der Universität Bern. Dort ist auch das nationale Kinderkrebsregister, das seit über 40 Jahren alle an Krebs erkrankten Kinder registriert und Informationen über die Krebsdiagnose und Behandlung sammelt. Das ermöglicht eine enge Zusammenarbeit zwischen behandelnden Spitälern und Ärzten, dem Kinderkrebsregister, Patientenorganisationen und den verschiedenen Forschungsprojekten zur Spätfolgen und Nachsorge. Es gibt aber auch noch andere epidemiologische Forschungsgruppen in der Schweiz.


Mit welchen Herausforderungen ist die epidemiologische Forschung konfrontiert
Seit Januar 2020 ist unsere Forschungsgruppe vom nationalen Kinderkrebsregister getrennt. Während das Kinderkrebsregister unter dem neuen Krebsregistrierungsgesetztes vom Bund finanziert wird, müssen wir uns aktiv darum kümmern, dass wir die notwenigen Mittel für unsere Forschungsprojekte erhalten. Wie bei anderen seltenen Erkrankungen ist die Finanzierung von Forschungsprojekten zu Krebserkrankungen bei Kindern relativ schwierig. Um weiterhin an vorderster Front forschen zu können, sind wir deshalb auf Unterstützung durch Förderbeiträge und Privatspenden angewiesen.

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