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«Erst wenn der eigene Körper 
akzeptiert wird, können Sexualität, Partnerschaft und Kinderwunsch zum Thema werden»

Interview mit Astrid Ahler, Gynäkologin mit Schwerpunkt Kinderwunsch, Hormonstörungen und 
Sexualmedizin bei fertisuisse.

Vater und Sohn in der Natur

Frau Ahler, Sie haben 2017 die ASK Sprechstunde* ins Leben gerufen. ASK steht für Aufklärung, Sexualität, Körperbild. Warum braucht es ein solches Angebot?
Wir haben festgestellt, dass es bei diesen Themen ein grosses Informationsbedürfnis gibt, aber kaum Anlaufstellen, an die sich Betroffene wenden können. Die Bandbreite der Spätfolgen nach einer Krebstherapie bei Kindern und Jugendlichen ist in diesem Bereich sehr vielfältig. Das können Fruchtbarkeitsprobleme, Hormonmangel, eine verlangsamte Pubertät, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, fehlende Lust oder Erektionsprobleme sein. Oft fühlen sich Survivors mit ihren Problemen und Sorgen alleine gelassen oder es fällt ihnen schwer darüber zu sprechen. Andere wiederum wissen zu wenig über mögliche Spätfolgen. So kann zum Beispiel die Menopause nach einer Krebserkrankung bereits in sehr jungen Jahren eintreten, weshalb es wichtig ist, abzuklären, ob Eizellen präventiv eingefroren werden können. Leider werden in der Nachsorge die Themen Fertilität, Sexualität und Partnerschaft nicht systematisch aufgegriffen. Mit der ASK Sprechstunde versuchen wir diese Versorgungslücke zu füllen, indem wir Fertilitäts- und Sexualtherapie kombiniert anbieten.
 

Welche Rolle spielt der Kinderwunsch bei Survivors und welche medizinischen Möglichkeiten gibt es, wenn die Fertilität beeinträchtigt ist?
Aus Umfragen wissen wir, dass sich circa 80 Prozent der Survivors im Erwachsenenalter ein eigenes Kind wünschen. Zu uns kommen Patienten, die 20 oder 30 Jahre nach ihrer Krebstherapie feststellen müssen, dass ihr Kinderwunsch vielleicht unerfüllt bleibt. Wir untersuchen, ob und wieweit die Fruchtbarkeit beeinträchtigt ist und welche Behandlungsoptionen eventuell möglich sind. Ist die Fertilität allerdings unwiderruflich erloschen, weil keine Massnahmen vor der Therapie ergriffen wurden, kann das für die Betroffenen äusserst belastend sein. Dies umso mehr, wenn sie nicht in die damalige Entscheidung mit einbezogen worden sind. Um das zu verhindern, sollte vor der Krebsbehandlung gemeinsam mit Kindern und Eltern eine realistische Aufklärung über die Risiken und Möglichkeiten stattfinden. Wir wissen aber, dass die Zuweisungsrate für Fertilitätsberatungen bei den unter 20-jährigen Krebspatienten immer noch bei unter 10 Prozent liegt. Hier muss also noch unbedingt nachgebessert werden.


Welchen Einfluss kann die Krankheit auf die Körperwahrnehmung haben?
Nach einer erfolgreichen Behandlung gehören die sichtbaren Spuren, die der Krebs und die Therapie am Körper hinterlassen haben, zu den Hauptsorgen von jungen Survivors. Aus Studien wissen wir, dass insbesondere Jugendliche, die sich gerade mitten in der Pubertät befinden, am meisten mit ihrem veränderten Körperbild hadern. Unabhängig vom Alter lässt sich aber sicherlich sagen, dass die Art und Weise, wie der Krebs den Körper verändert hat, einen entscheidenden Einfluss auf die Eigenwahrnehmung hat. Damit verbunden können psychosexuelle Probleme bei den Betroffenen auftreten. Wir stellen fest, dass mit der steigenden Anzahl an Kinderkrebs-Überlebenden auch in der Schweiz das Bedürfnis nach spezifischer Aufklärung und Beratung wächst. Anlaufstellen, die auf diese Themen spezialisiert sind, fehlten jedoch bisher.


Wie hängen Körperbild, Sexualität und Kinderwunsch zusammen?
Für Survivors gilt das Gleiche wie für andere Menschen, die auf der Suche nach Nähe und Intimität sind: Nur wer sich im eigenen Körper wohlfühlt, kann sich überhaupt öffnen, seine Sexualität ausleben und Beziehungen eingehen. Für Survivors, deren Körper sich vielleicht verändert hat und nicht mehr dem gängigen Schönheitsideal entspricht, kann das ungleich schwerer sein. Bei manchen entsteht das Gefühl, massiv an Attraktivität und damit Wert verloren zu haben. Bei Kindern, die sich in der Pubertät befinden, sind die Herausforderungen besonders gross. Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper, die Entdeckung der Sexualität, die Abnabelung von den Eltern und Beziehungen zu Gleichaltrigen sind zentrale Themen in diesem Lebensabschnitt. Wenn durch die Krankheit dann eine Zäsur entsteht, fehlen die Möglichkeiten, den Umgang mit der Sexualität langsam zu entwickeln und soziale Beziehungen aufzubauen. Es braucht also mehr als nur die rein medizinischen Voraussetzungen, die darauf abzielen, die Fertilität zu erhalten. Erst wenn der eigene Körper akzeptiert wird, können Sexualität, Partnerschaft und Kinderwunsch wirklich zum Thema werden.


Was bräuchte es Ihrer Meinung nach, um die Betroffenen in diesem Bereich besser zu unterstützen?
Aufgrund von Studien wissen wir, dass Survivors im Vergleich zu Gleichaltrigen häufiger mit sexuellen Problemen kämpfen und weniger oft in Beziehungen leben. Deshalb greift eine onkologische Beratung, die rein auf die medizinischen fertilitätserhaltenden Aspekte fokussiert, zu kurz. Hier wäre es wichtig, dass in Zukunft auch die Themenbereiche Körperbild und Sexualität systematisch in die Nachsorge integriert werden. Zudem wäre es hilfreich, wenn es leicht zugängliches und speziell auf die Bedürfnisse zugeschnittenes Informationsmaterial gäbe. Das würde sowohl den Ärzten als auch den Survivors beim Umgang mit diesen eher heiklen Themen helfen. Wichtig ist aber vor allem, dass eine derart kombinierte Beratung frühzeitig ansetzt, damit unnötiges Leid möglichst verhindert und alles daran gesetzt werden kann, die Chancen auf ein erfülltes Sexualleben und Beziehungen, ob mit oder ohne Kinderwunsch, deutlich zu verbessern.

 

 

* Die ASK Sprechstunde findet nicht mehr wie bisher am Unispital Basel statt, wird jedoch weitergeführt. Für mehr Informationen und Terminvereinbarungen bitte direkt Astrid Ahler kontaktieren: aahler@fertisuisse.ch

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