Mehr Krebserkrankungen bei Kindern - wieso?

13. Februar 2018

Martin Schrappe ist Professor und Direktor der Universitätsklinik für Kinder-und Jugendmedizin in Kiel und Präsident der Europäischen Gesellschaft für Pädiatrische Onkologie (SIOPE). Gegenüber Kinderkrebs Schweiz nimmt er Stellung zu zwei aktuellen Studien zur Entwicklung von Kinderkrebs.

Sie haben die Fallzahlen von Kinderkrebs intensiv untersucht und kommen zu einem alarmierenden Befund. 
Basis für meine Botschaft ist eine Studie, die im April 2017 veröffentlicht wurde, in welcher die grossen Krebsregister die Zahlen im internationalen Vergleich erstmals über einen Zeitraum von 10 Jahren gemessen haben und dabei die 80er Jahre mit den frühen Jahren des jetzigen Jahrtausends verglichen haben. Die Studie zeigt auf, dass die Rate an Krebs bei Kindern in diesem Zeitraum um 15 bis 20 Prozent gestiegen ist (also ca. 1% pro Jahr). Verblüffend dabei ist, dass diese Entwicklung besonders stark in Amerika und Europa zu sehen ist. Dies ist eine alarmierende Entwicklung, da die Studie den Einbezug der Bevölkerungszahlen berücksichtigte und die Zahlen robust sind.

Nun gibt es aber auch eine immer bessere Diagnose sowie eine konsequentere Erfassung in den Krebsregistern. Könnte das für den Anstieg verantwortlich sein?
Bei der Benennung der Ursachen stehen wir im Grunde vor einer Blackbox. Dies aufgrund der großen Komplexität: viele Faktoren kommen für den Anstieg in Frage. Insbesondere sind auch Vergleiche unter den Ländern schwierig. Klar ist, dass die Fortschritte in der medizinischen Diagnostik dazu geführt haben, dass wir erkrankte Kinder heute früher erkennen können - mehr werden es aber dadurch nicht. Was man also mit Bestimmtheit sagen kann, ist, dass der Anstieg nicht nur auf die verbesserte Registrierung zurückzuführen ist. Da müssen noch mehr Faktoren berücksichtigt werden. Aber auch die Autoren der erwähnten Studie nannten Gründe, die sie wiederum nicht wissenschaftlich exakt beweisen können. So führten sie beispielsweise den Anstieg der Kinderkrebserkrankungen in Südostasien auf den vermehrten Gebrauch von Pestiziden zurück. Dies ist schwierig zu beweisen. Bei den Ursachen von Kinderkrebs in grossen Populationen stösst die Wissenschaft ganz einfach an ihre Grenzen, weil Krebs bei Kindern trotz allem etwas sehr Seltenes ist.

Können überhaupt globale Vergleiche angestellt werden?
Internationale Vergleiche sind tatsächlich schwierig. Nehmen wir wieder das Beispiel Pestizide. Solche Substanzen werden auch in der Landwirtschaft in Westeuropa und in den USA eingesetzt, nicht nur in Südostasien, aber womöglich in unterschiedlichen Mengen. Wie sehr dies das Krebsrisiko verändert, ist schwer zu sagen. Eine Rolle spielen auch andere Faktoren wie Umweltverschmutzung oder die Bevölkerungsverdichtung.

Machen internationale Vergleiche überhaupt Sinn?
Genau vergleichen kann man nie. Insgesamt zeigt die Studie, dass die Zahlen von Kinderkrebs weltweit sehr unterschiedlich sind und schwanken. Dabei sind deutliche Unterschiede möglicherweise weniger auf Umwelteinflüsse als viel mehr auf die genetischen Faktoren und sowie die Art der Gesundheitsvorsorge und auf natürliche Faktoren (z. B. Hintergrundstrahlung; Virusinfekte u.a.) zurückzuführen. Wieso dies so ist? Genau weiss man es nicht. Es gibt zum Beispiel geografische und ethnologische Gründe. Oder sind es die Hygienebedingungen, die dazu führen, dass in Afrika geringere Kinderkrebserkrankungen registriert werden? Oder die Ernährungsbedingungen? Selbst Zahlen innerhalb eines Landes können schwierig interpretierbar sein. Wir haben in den USA eine Bevölkerung mit Weissen, Schwarzen oder Hispanics. Interessanterweise sind die Heilungsraten bei verschiedenen ethnischen Gruppen in den USA bei Verwendung gleicher Behandlungsprotokolle unterschiedlich.

Kommen wir nochmals zurück auf die unterschiedlichen Zahlen von Kinderkrebs weltweit. Welches sind die Herausforderungen? Wo können wir ansetzen?
Alarmierend ist, dass nicht alle Kinder Zugang zu modernen Therapien erhalten. Nehmen wir als Beispiele Jemen, Somalia, Äthiopien. Vor Ort gibt es nicht genug Hilfe, deshalb müssen die betroffenen Familien – oft haben sie nicht viel Geld – ins Ausland reisen. Man stelle sich vor, eine Familie aus Vorderasien macht sich auf den Weg nach Westeuropa, um das kranke Kind behandeln zu lassen...

Wie verhält es sich in Europa?
In Europa freuen wir uns, dass wir im Bereich der Forschung und Entwicklung von Kinderkrebs an der Weltspitze sind und Krebs bei Kindern in vielen Fällen heilbar ist. Aber auch innerhalb der EU gibt es Unterschiede bezüglich der medizinischen Fortbildung, der Verfügbarkeit von Medikamenten oder der Qualität der Pflegeversorgung. So sind die Heilungsraten in Osteuropa 10 bis 20 Prozent schlechter als in Westeuropa. Wussten Sie, dass wir beispielsweise in Serbien oder Albanien einen limitierten Zugang zu Schmerzmitteln haben? Wir befinden uns noch lange nicht auf dem gleichen medizinischen Niveau.

Welches sind denn in Europa die Schwierigkeiten, gibt es Lösungsansätze?
Ziel von SIOPE  ist es, die Ungleichheiten innerhalb Europas zu verringern. Es gibt ein gutes Programm der EU für den Aufbau sogenannter europäischer Referenznetzwerke. Es gibt auch verschiedene Elterngruppen, die sich auf europäischer Ebene vernetzen und engagieren. Es werden auch neue Lösungsansätze versucht, z. B. in Tumorkonferenzen, wo mehrere Spezialisten per Videokanal miteinander verbunden werden. So können beispielsweise Ärzte in Bulgarien Zugang zu wertvollen Informationen erhalten. Oder es können bei einer seltenen Krebsart gemeinsam die besten individuellen Behandlungsstrategien ausgetauscht werden. Das kranke Kind kann im Heimatland bleiben und erhält trotzdem den Zugang zu bestmöglichem Fachwissen und zur wertvollen Erfahrung von anderen Kinderonkologen.

Lancet Haematol 2017, Published Online April 11, 2017

Lancet Oncol 2017, Published Online April 11, 2017

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