«Ohne klinische Forschung würden viele Kinder mit einem Gehirntumor ihre Erkrankung nicht überleben»

Interview mit Dr. med. Katrin Scheinemann, Abteilungsleiterin Kinderonkologie am Kantonspital Aarau

Frau Dr. Scheinemann, Sie sind spezialisiert auf die Behandlung von Hirntumoren bei Kindern und Jugendlichen. Können Sie uns mehr über diese Art von Kinderkrebs erzählen?

Hirntumore sind nach den Leukämien die zweithäufigste Krebsart im Kindesalter. Davon sind in der Schweiz jährlich circa 70 Kinder betroffen, was fast ein Viertel aller Kinderkrebsdiagnosen ausmacht. Kinder erkranken an vielen verschiedenen Hirntumoren, wobei die Heilungschancen abhängig von der spezifischen Krebsart sind. Hirntumore, medizinisch Tumore des zentralen Nervensystems genannt, können sowohl im Gehirn als auch im Rückenmark auftreten. Die Ursachen für einen Hirntumor sind zumeist unbekannt, aber genetische Erkrankungen wie zum Beispiel eine Neurofibromatose können bei manchen Patienten eine Rolle spielen.

Die klinische Forschung hilft, die Heilungschancen bei Kinderkrebs zu verbessern und mögliche Spätfolgen zu verringern. Inwieweit trifft das auch bei der Behandlung von Hirntumoren zu?

Ohne klinische Forschung würden viele Kinder mit einem Hirntumor ihre Erkrankung nicht überleben. Erst klinische Studien haben es möglich gemacht, den Nutzen einer Chemo- und Bestrahlungstherapie bei Hirntumoren in Ergänzung zur Operation bewerten zu können – ihr Stellenwert ist deshalb heute unbestritten. Nur so konnten die grossen Fortschritte in der Behandlung und in der Prognose überhaupt erzielt werden. Fast alle krebskranken Kinder in der Schweiz werden heute im Rahmen einer klinischen Studie behandelt, entweder in einer laufenden offenen Studie oder nach den medizinischen Erkenntnissen aus einer bereits abgeschlossenen Studie. Klinische Studien bedeuten ja sehr oft, Teil eines internationalen Forschernetzwerkes zu sein.

Welche Vorteile ergeben sich daraus für die kleinen Patienten und ihre Familien?

Die klinischen Studien, die wir in der Schweiz durchführen, sind immer international. Damit steht automatisch ein grosses Netzwerk zur Verfügung, in dem sich Ärzte und Forscher untereinander austauschen können. Manche Hirntumore kommen nur einmal im Jahr in der Schweiz vor, deshalb ist eine Kollaboration in einem internationalen Forschungsnetzwerk unerlässlich. Nur auf diese Weise können wir auch klinische Daten dieser seltenen Tumore sammeln und auswerten. Die Erkenntnisse, die wir daraus gewinnen, nehmen dann wiederum direkten Einfluss auf die Behandlung der jungen Patienten.

Wie hoch ist das Risiko, bei Hirntumoren an Spätfolgen zu leiden und welche sind das?

Das Risiko, an Spätfolgen zu erkranken, hängt von vielen unterschiedlichen Faktoren ab. Dazu gehören die Lokalisation des Tumors, das Alter bei der Diagnose und die durchgeführten Therapien. Bei Hirntumoren ist das Risiko, dass die betroffenen Kinder und Jugendlichen an Spätfolgen leiden - im Vergleich zu den anderen kindlichen Tumorarten – gesamthaft am höchsten. So können sämtliche Organsysteme betroffen sein, unter anderem auch die Intelligenz.

Inwieweit beschäftigt sich die klinische Forschung mit der Reduktion von Langzeitfolgen bei Hirntumoren und welche Fortschritte wurden hier bereits gemacht?

Da es unser Ziel ist, dass unsere Patienten nach der Therapie ihres Hirntumors wieder voll ins Leben integriert werden und ein hohes Lebensalter erreichen, ist bei der Behandlung die Berücksichtigung von Spätfolgen essentiell. Als Beispiel sei hier die Radiotherapie genannt, die sehr häufig zu Spätfolgen führt. Die klinische Forschung versucht daher, bessere Bestrahlungsmodalitäten zu entwickeln (als Beispiel sei die Protonentherapie genannt), die Radiotherapie nur bei älteren Kindern anzuwenden und sie bei jüngeren Kindern durch Chemotherapie und andere Therapien zu ersetzen. Diese therapeutischen Änderungen in Bezug auf Langzeitfolgen können wir schon jetzt bei unseren ehemaligen Kinderkrebspatienten sehen, wenn man die letzten Jahrzehnte vergleicht.

Mit welchen Herausforderungen hat die klinische Forschung zu kämpfen?

Die Herausforderungen sind mannigfaltig. Zum einen gibt es sehr hohe regulatorische Hürden. Diese bringen meist eine Verzögerung von mehreren Jahren mit sich, bis ein neues Behandlungsprotokoll überhaupt eröffnet werden kann. Das ist sehr problematisch, weil wir dann neueste Erkenntnisse in der Tumortherapie nicht sofort umsetzen könnten. Zum anderen hat die Pharmaindustrie wenig Interesse daran, neue Medikamente für die Kinder zu entwickeln, da der Markt im Vergleich zu den Erwachsenen deutlich kleiner ist. Auch wird die Finanzierung von klinischen Studien zunehmend schwieriger. Das führt dazu, dass weniger Gelder für internationale Forschungsprojekte zur Verfügung stehen. Es wäre deshalb wünschenswert und würde vieles erleichtern, wenn wir einen einheitlichen regulatorischen Rahmen für die klinische Forschung in ganz Europa hätten und über ausreichende finanzielle Mittel verfügen könnten.

Circa 60 Prozent der Kosten für die klinische Forschung werden durch Spenden finanziert. Um die Heilungschancen und Lebensqualität von krebskranken Kindern in Zukunft zu verbessern, ist die klinische Forschung dringend auf Unterstützung angewiesen.